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Saint-Jean-Pied-de-Port > Valcarlos > Roncesvalles

St.Jean Pied de Port

Ich weiß nicht wo es lang geht und gehe erstmal einer Gruppe von Menschen mit Rucksäcken nach, das erweist sich als Fehler, denn die wissen auch nicht wo es lang geht. Ich gehe zurück, als wir fast schon aus dem Ort draußen sind. Mist, ich weiß doch, dass ich über eine Brücke gehen muss, ich muss in die Altstadt. Ich finde die Brücke (war wirklich nicht schwer) und dann geht es links den Berg hoch zum Pilgerbüro.

Dort sitzen schon ein paar Leute hinter den Tischen und erwarten uns. Der junge Spanier, der mir meinen 1. Stempel verpasst, rät mir, über Valcarlos zu gehen, das wäre einfacher als die Route Napoleon, dort könne ich auch übernachten.

Ich hatte während der Planung versäumt, auf der Route Napoleon in der Herberge Orisson ein Bett zu reservieren. Als ich dann endlich daran dachte und per Mail ein Bett reservieren wollte, war keines mehr frei. Insofern hätte ich sowieso über Valcarlos gehen müssen, denn die 27 km über die Route Napoleon ohne Übernachtung zu gehen wäre für mich  nicht möglich gewesen.

Da Valcarlos ziemlich in der Mitte zwischen SJPdP und Roncesvalles liegt (ca. 13 km) entschließe ich mich, dem Rat des Spaniers zu folgen und diesen Weg auch zu nehmen. Es ist sowieso ungewohnt für mich mit dem Rucksack zu laufen, dazu kommt die Steigung und die Hitze. Ich kaufe mir in einem kleinen Laden mein erstes „Bogadillo“ (Sandwich) und Wasser und mache mich auf den Weg, die Straße runter, dann gehts links zur Route Napoleon und rechts nach Valcarlos.

Es ist anstrengend aber wer sagt, dass uns der Camino irgendwas schenkt? Ich schwitze, alles ist nass, ich muss mich eincremen, es ist wirklich saumäßig heiß. Ich mache Pausen, trinke, esse die Hälfte meines Sandwiches, gehe weiter. Ich fühle mich alleine, irgendwie verlassen. Es gibt starke Steigungen, dann gehts wieder abwärts, der Rucksack ist gar nicht so schwer aber er zieht mich schon etwas nach hinten.

Plötzlich stehe ich inmitten eines großen Outlett-Centers, ich suche ein Geschäft, in dem ich mir einen Hut kaufen kann. Mir läuft der Schweiß blöderweise in die Augen und das muss gestoppt werden. An einer Wand in einem Geschäft sehe ich kleine Flamenco-Kleidchen – sollte ich evtl. schon in Spanien sein? Die Verkäuferin an der Kasse, an der ich meinen Hut zahle, bestätigt mir die Vermutung, ich bin in Spanien – halleluja!

Nix wie weg hier!

Ich finde die schmale Straße, die mich weiter nach Valcarlos führt, zeitweise ist sie sogar schattig, es ist schon sehr anstrengend, geht abartig steil nach oben. Ich zähle Schritte und immer nach 20 Schritten verschnaufe ich kurz, jammern nutzt nichts, ich muss ja irgendwann mal ankommen, kämpfen ist angesagt! Ich werde überholt von 2 Paaren, die mind. 10 Jahre älter sind als ich, später stellt sich heraus, dass sie aus Michigan kommen.

Valcarlos

Ich schleppe mich den letzten Berg hoch, falle in einer Bar auf einen Stuhl und bestelle mir eine große Cola, stürze sie hinunter und bestelle mir gleich noch eine. Meine Güte, knallrot im Gesicht und schweißtriefend sitze ich hier und fasse es nicht, ich bin angekommen… wenigstens in der Hälfte der 1. Etappe. Im Touristenbüro sitzen schon die Amis, ich hoffe, dass ich ein Bett bekomme und warte mit ihnen. Dort sitzt auch Thomas den ich später näher kennen lerne, leider sitzen wir jetzt noch fremd nebeneinander, ich dachte sogar, er wäre Engländer.

Die Hospitallero kommt und nimmt uns mit in die Herberge, super, alles modern, neu und sauber. 10 Euro kostet die Übernachtung, es gibt einen Stempel, Schuhe müssen ausgezogen werden, man läuft auf Strümpfen oder Schlappen. Ich suche mir ein Bett (unten) und werfe mich erst mal drauf zum „abdampfen“, dann gehe ich duschen und wasche meine Unterhose. Anschließend gehe ich in die Bar zurück und bestelle Tapas. Es kommt ein großer Teller mit verschiedenen Schinkensorten, dazu Brot und Butter, so reichlich, dass ich mir den Rest einpacken lasse.

Gegenüber von mir sitzen die beiden Frauen aus Michigan, die sich auch etwas zum Essen bestellt haben. Als deren Essen auf dem Tisch steht greifen sie sich über dem Tisch an den Händen und beten, anschließend Kreuzzeichen und dann darf gegessen werden. Es ist schon interessant, was man so alles sieht auf dem Camino.

Im Alimentari kaufe ich mir ein kleines Brot und eine kleine Dosen Oliven, meinen Pausensnack für den nächsten Tag habe ich zusammen.

In der Herberge stehen bei meiner Rückkehr in einer Ecke verschiedene Rucksäcke. Auf meine Frage hin bekomme ich erklärt, dass es möglich ist, den Rucksack von Herberge zu Herberge transportieren zu lassen. Das ist natürlich eine super Möglichkeit, die ich auch gerne nutze. Man nimmt ein Kuvert, legt 7 Euro hinein und schreibt die Herberge drauf, zu der der Rucksack gefahren werden soll. Mal sehen, ob das klappt.

Ich höre dass wir am nächsten Morgen bereits um 6 Uhr aufstehen und denke zuerst mal, ich hätte mich verhört. Aber ich stelle am nächsten Morgen fest, dass es so gut wie unmöglich ist ab 5 Uhr weiter zu schlafen, dann fängt nämlich das große „Geraschel“ an. Im anderen Zimmer ist längst das Licht an aber in unserem Zimmer schläft beharrlich einer weiter und keiner getraut sich, das Licht anzumachen. Jeder läuft mit seiner Stirnlampe herum. Ich mache mir einen Tee und auf dem Tisch liegen kleine Muffins, das ist auf meinem Weg die einzige Herberge, in der es etwas zum Frühstücken gibt.

Es geht dann doch etwas später los weil Karine aus Belgien nicht in die Puschen kommt, es dauert. Sie hat einen Rucksack, der mir viel zu schwer erscheint und braucht unterwegs auch ziemlich lange, wir haben unterschiedliche Schrittlängen und werden wohl nicht lange gemeinsam gehen. Der Weg von Valcarlos nach Roncesvalles ist zuerst gemächlich, wird dann aber schnell sehr steil. Ein Trost sind leckere klitzekleine Brombeeren, die wir unterwegs finden. Schnaufend kommen wir aber tatsächlich oben an, machen Bilder, treffen nette Herren, die mit dem Wohnmobil aus Frankreich kommen und für die wir Pilger eine gewisse Exotik ausstrahlen.

Roncesvalles

Jetzt gehts bergab und irgendwann tauchen die Dächer von Roncesvalles vor uns auf – ist das schön! So eine schöne Klosteranlage, riesig. Beim Einchecken stellen wir fest, dass es viel Personal gibt, es gibt aber auch viele Pilger. Schuhe müssen in einer speziellen Schuhkammer bleiben (es riecht nicht schlimm, nur etwas muffig), es gibt im Keller die Möglichkeit Wäsche zu waschen und zu mangeln und sogar zu trocknen. Wir suchen unsere zugewiesenen Betten, ich liege mal wieder oben aber die Stufen sind glücklicherweise nicht so schmal, trotzdem fliege ich runter und werde von Reinhard gerade noch rechtzeitig gestützt.

Am Abend nehmen wir ein Pilgermenü für 9 Euro inkl. Rotwein, es gibt zuerst eine leckere Kartoffelsuppe und dann entweder eine Forelle mit Pommes oder gebackene Ententeile, zum Dessert gibts einen Flan, für den Preis alles zusammen nicht schlecht, die Flasche Rotwein ist auch schnell vernichtet… Um 20 Uhr gibt es eine Pilgermesse und zur Einstimmung wird das Pilgerlied gesungen, das ich bei der Pilgermesse in Koblenz gelernt habe, mir kommen die Tränen. Damals war die Reise noch so weit entfernt und jetzt sitze ich hier – die Rührung überfällt mich schlagartig.

An diesem Abend noch operiert mir Reinhard eine Zecke raus, die sich über meinem Bauch eingenistet hat, Drecksviecher. Mit Desinfektionsmittel und einem Taschenmesser holt er alle schwarzen Überreste der Zecke raus. Die Umgebung war schon rot entzündet, hoffentlich bekomme ich keine Probleme dadurch.

Hier gehts weiter nach Pamplona

Roncesvalles > Zubiri > Pamplona

Um 6.30 Uhr ist wecken angesagt in Roncesvalles, bis wir fertig sind wird es 7.00 Uhr. Mit unseren Stirnlampen ziehen wir ins Dunkel, es ist ungewohnt, ich glaube es ist ein schöner Weg aber ich sehe nichts von der Landschaft. Auch heute wird mein Rucksack wieder gefahren, ich habe nur einen kleinen Rucksack bei mir, in dem ich mein Wasser transportiere und etwas Obst. Wir werden im nächsten Ort in einer Bar frühstücken, haben wir verabredet. Ich habe bemerkt, dass Karine sehr viel Essen mit sich rumschleppt, was eigentlich nicht nötig wäre. Die Bogadillos in den Bars sind groß, gut belegt und billig, dazu ein oder zwei Kaffee, mehr benötigt man den Tag über nicht. Da muss ich nicht einkaufen gehen und die Lebensmittel auch noch mitschleppen.

Nach ca. einer Stunde erreichen wir ein kleines Geschäft und wir kaufen uns eine Banane. Wir haben Hunger und warten auf die nächste Bar. Heute fällt auf, wie unterschiedlich unsere Schritte sind. Karine bleibt ziemlich weit hinten, Reinhard ist bei ihr, ich gehe mit Franz vorne und beim Quatschen bemerken wir kaum, dass die Beiden immer weiter zurückbleiben. Ich verabrede mit Franz, dass ich mal ein Stück mit Karine gehe, dann kann Reinhard seinen normalen Gang laufen. Als ich mit Karine laufe stelle ich für mich fest, dass es so nicht geht, sie ist für mich viel zu langsam. Ich sage es ihr und sie erwidert, ich solle keine Rücksicht auf sie nehmen, sie komme schon weiter. Das waren die letzten Worte mit Karine, wir haben sie nicht mehr wieder gesehen.

In der nächsten Bar gibt es guten Kaffee und leckere belegte Croissants, wir ruhen uns aus. Dann gehts weiter und bald kommen wir nach Zubiri, wo wir gleich in der ersten Herberge Betten bekommen. Wir sind nur noch zu zweit, weil wir für Franz zu langsam waren und dieser mit einer Gruppe von jüngeren Leuten weitergezogen ist. Reinhard und ich teilen uns eine Waschmaschine, die Wäsche wird sogar getrocknet, nach einer Stunden liegen unsere Sachen schön zusammengefaltet in einem Korb, was für ein Leben! Wir sind 8 Leute in 4 Stockbetten, es ist ziemlich eng aber es ist trotzdem gut. Am Abend gehen wir in ein Restaurant und erhalten für 9 Euro wieder ein leckeres Pilgermenü mit Vor- und Nachspeise und mit Wein.

Am nächsten Morgen wird Reinhard nicht fertig, ich warte auf ihn, besorge ihm Wasser und warte wieder, ich würde gerne weiterziehen aber der Kerl wird nicht fertig. Endlich gehts dann weiter, schöne Wege, schönes Wetter, Lust auf Frühstück – die nächste Bar kommt auch bald. Wir werden laufend für ein Ehepaar gehalten und ein netter Herr will uns sogar zusammen fotografieren. Wir machen das Spiel mit, lachen. Aber ich fühle mich in dieser Rolle nicht wohl – ich glaube, ich muss mich langsam von Reinhard lösen. Wir können zwar gut zusammen laufen aber wir benehmen uns wirklich wie ein Ehepaar und das nervt mich.

Wir laufen auf Pamplona zu – ich schwächele – mir tun die Beine weh. Reinhard zieht mich weiter – er möchte in Pamplona unbedingt in der Casa Paderborn übernachten und wenn wir zu spät kommen sind die Betten alle belegt. Leider klappt das nicht – die Betten sind alle belegt. Wir werden ins Refugio Municipal geschickt und da staune ich aber – es handelt sich um eine alte Kirche, in die man eine Empore gebaut und somit Platz für 114 Pilger geschaffen hat. Das ist sehr beeindruckend, wir haben Betten in der ersten Etage und ruhen uns erst mal aus.

Dann ziehe ich los, die Gegend zu erkunden, tolle Stadt! Ich kaufe mir eine Kugel Zitroneneis – ich esse sonst nie Zitroneneis – aber dort lacht es mich an und ich genieße diese Kugel. Am Abend gehe ich mit Reinhard zusammen essen, wir suchen uns eine Bar in der es Pinchos gibt, so nennen sich hier die Tapas. Dort treffen wir einen jungen Mann, der auf uns zukommt und sagt, er hätte uns in SJPdP die Pässe abgestempelt. Reinhard setzt sich zu ihm und er zählt wieder mal seine Geschichte, es ist die Story, die ich schon erzählt bekam und auch schon einige andere Pilger, er erzählt sie jedem der sie hören möchte oder auch nicht. Ich kann sie nicht mehr hören, das geht nicht mehr lange gut… in dieser Nacht gab es ein Schnarchkonzert in einer Kirche.

Eigentlich wollten wir einen Tag Pause machen in Pamplona aber Reinhard sah sich die künftigen Etappen an und schlägt vor, doch noch mal fünf Kilometer zu laufen nach Zizur Menor und dort eine Pause zu machen. Dann ist auch der Weg nach Puenta la Reina nicht mehr so lang. Ok – ich bin einverstanden und wir machen uns am nächsten Morgen wieder auf den Weg. Unterwegs treffen wir ein dänisches Ehepaar, das gemeinsam vor vielen vielen Jahren schon mal den Weg gelaufen ist und jetzt nochmal auf den Spuren von damals reist, diesmal mit dem Auto. Wir machen eine kurze Fotopause und dabei fällt mir meine Camera runter – Sch… die Bilder sind jetzt alle fast weiß, ich brauche eine neue Camera.

Hier gehts weiter nach Estella

Zizur Menor > Puento la Reina > Estella

Die paar Kilometer nach Zizur Menor schaffen wir mit links und bekommen Betten in der Alberque Familia Roncal. Eine paradiesiche Herberge mit schönem Garten, schönen Zimmern, schönen Duschen, ich bin total begeistert, hier siehts richtig nach Urlaub aus. Die Madame ist etwas büsk, eine richtige Madame halt, ich habe mir eine Decke in den Garten gelegt und werde weggeschickt, da das Gelände privat ist, ich darf mich 2 m weiter rechts hinlegen, dort ist es nicht privat, na gut! Wir waschen unsere Kleider, hängen sie in die Sonne, relaxen und gehen abends zu einem wirklich guten Pilgermenü, auch hier steht dazu eine Flasche Rotwein auf dem Tisch – Spanien ist herrlich!

Am nächsten Morgen sind wir schon vor 7 Uhr unterwegs zum berühmten „Alto del Perdon“.

Wir treffen Atilla, einen jungen Mann aus England, der sofort von Reinhard „seine“ Story von seinem Bandscheibenvorfall im letzten Jahr übergebraten bekommt. Ich kann’s jetzt wirklich nicht mehr hören und lasse die beiden hinter mir, ich gehe einfach etwas schneller. Es ist herrlich, nach diesem Gesabbel endlich mal alleine zu laufen, ich finden meinen Rythmus und laufe und laufe… mir fällt überhaupt nicht auf, dass es stetig bergauf geht und auf einmal bin ich oben, stehe vor diesen wundervollen Figuren. Das Abstieg dann hat es in sich, es geht wirklich sehr lange über einen ziemlich groben Steinweg nach unten, man muss jeden Schritt sehr bewusst machen. Später stelle ich fest, dass zwei Frauen dort ziemlich übel gestürzt sind. Ich bin froh, dass ich momentan alleine laufe, da kann ich mich optimal konzentrieren.

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Diese Etappe ist sehr anstrengend, erst dieser gefährliche Abstieg, dann gehts noch lange durch die Ebene weiter. Ich schleppe mich durch Puente la Reina  und über diese herrliche Brücke, ich hatte mit Reinhard verabredet, dass wir uns in der Herberge Santiago Apostol treffen. Dort liegt ja auch mein Rucksack, wenn diese beiden Dinge nicht so gewesen wären, ich hätte mir unten in der Stadt eine Herberge gesucht. Aber da ich oben verabredet bin schleppe ich mich einen blöden, sausteilen, geschotterten Berg hoch in die Herberge.

Santiago Apostol

In der Herberge gibt es sogar einen Pool aber ich bin so fertig, es ist so heiß, ich muss mich erst mal ausruhen. Der Hospitallero ist unfreundlich, brummig, ich verstehe nichts und bin auch ein bischen ungehalten. Ich bekomme ein Bett zugewiesen und werfe mich erst mal drauf, ich nehme das untere – heute schläft Reinhard mal oben – ich schlafe sofort ein. Eine Stunde später kommt das übliche – waschen – duschen – Rucksack räumen – zwischendurch kommt Reinhard angeschnauft- abends gibt es ein nicht sehr gutes Pilgermenü. Wir sitzen an einem Tisch voller Amis und können uns trotzdem unterhalten. Der Hospitallero lässt nicht zu, dass sich Leute abseits hinsetzen, wir müssen aufrücken, eine gute Idee. Der ältere Mann schräg gegenüber von mir kommt ursprünglich aus Deutschland, es wird ein netter Abend, schon alleine auch deshalb, weil ich zum Essen einen halben Liter Rotwein „zugewiesen“ bekomme. Ich habe mich nicht gewehrt nach diesem anstrengenden Tag.

Am nächsten Morgen gehts wieder in der Dunkelheit weiter, schade, ich habe von Puente la Reina nichts mitbekommen, weil wir die Herberge außerhalb genommen hatten und ich nach der Ankunft zu müde war.

Unterwegs beim Frühstücken in einer Bar trenne ich mich von Reinhard, ich gehe alleine weiter, der Weg ist wieder sehr anstrengend und sehr heiß. Mittags komme ich in Estella an und stelle fest, dass ich meinen Rucksack zwar vorgeschickt aber vergessen habe, in welche Herberge, schön blöd! In Estella beginne ich, die Herbergen abzuklappern, ich bin müde, mir tun die Beine weh und ich finde meine Herberge nicht. Eine Hospitallera telefoniert und schickt mich zur letzten Möglichkeit, der Alberque de ANFAS de Estella, ewig weit draußen, dann den Berg hoch, ich hoffe wirklich, dass dort mein Rucksack auf mich wartet. Auf die letzten Meter treffe ich ein älteres Pärchen, die ebenfalls schon sehr müde sind und wir schaffen uns gemeinsam den Berg hoch. Oben angekommen sitzt Reinhard vor der Tür und wartet, jetzt freue ich mich direkt ihn zu sehen, jetzt weiß ich, dass ich die richtige Herberge gefunden habe, mein Rucksack ist auch schon angekommen.

Wir beziehen unsere Betten, legen die Schlafsäcke aus, diesmal gibt es keine Stockbetten. Hier sieht es aus als wäre die Halle mal ein Fitnessstudio gewesen, ausgeräumt und mit Betten vollgestellt wurde. Die Stadt Estella ist groß, ich kann mir in einem nahe gelegenen Supermarkt einen Foto kaufen. Ich entscheide mich wieder für eine IXUS von Canon, damit komme ich gut zurecht. Hier gibt es sogar einen Decathlon, Reinhard kauft sich ein neues Handtuch, das alte hat er liegen gelassen.

Am nächsten Morgen gehts wieder früh los, Bärbel und Werner starten früh und ich gehe mit, Reinhard wird wieder mal nicht fertig und an diesem Morgen reicht es mir. Er packt am Abend seinen Rucksack – und morgens nochmal… oder will er dass ich alleine los laufe? Na jedenfalls lass ich ihn jetzt seinen Rucksack weiterpacken und wir laufen zu dritt los.

Meine Güte, die beiden Leute haben einen schnellen Schritt drauf. Ich komme aber mit und ich mag es auch gerne, wenn ich gefordert werde, ja – die beiden fordern mich wirklich. Zu allem Überfluss hat Werner zwei offene Fersen, das rohe Fleisch, Bärbel verpflastert es ihm immer wieder. Sie müssten dringend mal eine Pause machen aber die haben ein Tempo drauf – unfassbar!

Unsere nächste Station wird Los Arcos sein, ich stelle fest, dass mein Bargeld zur Neige geht und frage unterwegs nach einem Geldautomaten. In Los Arcos soll eine Bank sein, dort werde ich Geld abheben können.

Hier gehts weiter nach Logrono

Estella > Los Arcos > Logrono

Ich bin mit Bärbel und Werner auf dem Weg nach Los Arcos, Bärbel sagt dass es eine lange Strecke keine Bar gibt und deshalb decken wir uns mit Essen ein, für die nachfolgenden Ereignisse eine gute Entscheidung.

Es kam dann doch noch eine Bar, wir haben dort – wie überall – lecker und günstig gefrühstückt.

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Da es in Los Arcos einen Geldautomaten geben soll habe ich fast mein ganzes Geld ausgegeben, ich besitze jetzt noch 3 Euro. Ich laufe alleine und das ist wundervoll. Dass man beim Gehen ganz bei sich selbst ist habe ich mir die ganze Zeit schon gedacht, das habe ich die letzten Tage vermisst. In Los Arcos angekommen gehe ich in die Albergue de la Fuente Casa de Austria und dort steht mein Rucksack, alles ist gut, jetzt brauche ich nur noch Bargeld. Ich lasse den Rucksack stehen, ein junges Pärchen aus Österreich sitzt dort und wartet aufs Öffnen der Herberge, ich mache mich auf den Weg um den Geldautomaten zu suchen.

Ich habe ihn gefunden aber er hat die Karte nicht genommen und es war Sonntag. Ich hatte noch 3 Euro in der Tasche, war ja der Meinung, dass alles mit dem Geldabheben klappt. Das erste Problem in Los Arcos hat das junge Pärchen aus Österreich gelöst, sie haben mir die Herberge mit 9 Euro gezahlt. Leider habe ich sie dann nicht mehr wiedergesehen und konnte das Geld nicht zurückgeben aber sie haben mich gerettet und ich bin ihnen sehr dankbar. Glücklicherweise hatte ich mir am Morgen das Frühstück gekauft und etwas zu trinken hatte ich auch, von dieser Sicht aus gesehen hatte ich keine Not. In der Herberge fragt der Mann im gegenüberliegenden Bett: „I’m Neville from Newseeland. How are you?“ Ich antwortete niedergeschlagen: „Not so good Neville, I don’t have Monney!“ Er fragte: „Do you have Food?“ Ich lachte und sagte: „Yes, I have food!“

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Neville (76) from Newseeland

Am nächsten Morgen bin ich mit den restlichen 3 Euro mit dem Bus nach Logrono gefahren und habe dort insgesamt 6 Banken abgeklappert, überall Kopfschütteln – da kann man nix machen – die Karte ist kaputt. Seltsamerweise hatte ich sie 3 Tage vorher noch ohne Probleme in einem Supermarkt benutzt. Nur – in einem Supermarkt kann ich nicht schlafen… ich kann es kaum fassen, ich befinde mich in Europa und bekomme kein Geld mit meiner Karte. Ich lehne an der Außenwand der letzten Bank und überlege was ich machen soll, Polizei? Ein Konsulat gibt es in Logronio nicht und Geld für weitere Busfahrten habe ich nicht.

Der letzte Ausweg waren meine Tochter und Schwiegersohn in Deutschland, glücklicherweise waren sie daheim und konnten für mich in Erfahrung bringen wie man Geld nach Spanien transferieren kann. Ein Anruf bei unserer Hausbank half ihnen nicht wirklich weiter aber durch Zufall kam heraus, dass es die Möglichkeit einer Expressüberweisung von einer Post in Deutschland zu ausgewählten Banken in Spanien gibt.

Meine Tochter gab mir per SMS zwei Adressen durch, zu einer bin ich in Logronio gegangen. Am Empfang wollte man mich schon wegschicken weil es angeblich keine Expressüberweisungen gibt. Ich habe dann aber darauf bestanden zu einem Kollegen zu kommen, der englisch spricht. Dieser sagte mir, dass es möglich ist, Geld aus Deutschland auszuzahlen. Ich rief die Tochter an, die zur gleichen Zeit in Deutschland in einer Poststelle stand. Dann wartete ich ab, bis sie mir per SMS einen Zahlencode durchgab. Den gab ich an den Herrn in der spanischen Bank weiter. Dann hieß es wieder warten – bis der Zahlungseingang auf dem Bildschirm in der Bank zu sehen war – das dauerte, aber am Ende hatte ich Bargeld in der Hand und war überglücklich.

Es ist wichtig, zusätzlich eine Kreditkarte mitzunehmen und auch den Code zu kennen fürs Abheben von Bargeld. Mit zwei Karten dürfte man auf der sicheren Seite sein. Oder nur Bargeld mitnehmen und genau einteilen…

Bei meiner Karte war wohl der Strichcode fürs Ausland defekt. Probeweise habe ich in Santander die Karte in einem Automaten der Deutschen Bank ausprobiert und da habe ich dann auch Geld bekommen. Auf diese EC-Karten ist kein Verlass!!!

Ich war sehr hilflos in Logronio und wünsche niemandem diese Erfahrung. Ich dachte wirklich, ich müsste unter einer Brücke schlafen und mir Essen aus Mülleimern besorgen. Um so erleichterter war ich als ich mit Geld dann später in einem Restaurant ein gutes Essen bestellen konnte.

In der Herberge habe ich im Bett gegenüber Neville getroffen, er fragte: „Ulla, how are you?“ Ich antwortete: „Fein, Neville, I have Money!“ Wir lachten beide und freuten uns, dass ich wieder „flüssig“ bin.

Irgendwie hat mich diese Geschichte vollkommen entmutigt, ich würde am liebsten mit Bettina und Markus nach Hause fliegen, sie wollen eine Woche in Santander verbringen und wir wollten uns am Ende meiner Wanderung dort treffen. Bettina sagte am Telefon, ich solle es mir nochmal überlegen.

In dieser Herberge lerne ich Kay (66) aus Wisconsin kennen. Kay und ich gehen am nächsten Morgen gemeinsam los, meine Motivation ist wieder da, mit genügend Geld sieht die Welt halt auch wieder anders aus.

Wir gehen nach Ventosa, sind schon um 5.30 auf den Beinen und gehen um 6 Uhr los. Es ist sehr ungewöhnlich, Kilometer für Kilometer durch eine dunkle, ausgestorbene Stadt zu gehen. Kay hat Probleme mit den Knien und wir laufen langsam, sie läuft, da sie Blasen an den Fußzehen hat, in Sandalen und es geht auch…. jeder so wie er/sie kann.

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Da wir unsere Rucksäcke wieder transportieren lassen suche ich in Ventosa die Herberge San Saturnia aus. 20 km ab Stadtgrenze haben wir vor uns, Kay mit Fußproblemen und ich habe Probleme an der Hüfte – es wird wohl eine Überlastung sein, trotzdem: Auf nach Ventosa!

Hier gehts weiter nach Najera

Logrono > Ventosa > Nájera

Wir laufen über den Alto de la Grajera nach Navarette. Es geht ziemlich steil den Berg hoch und wir genießen die schöne Landschaft.

Nach 20 km kommen wir in Ventosa an, sitzen dort vor der Herberge und warten auf die Öffnung um 13 Uhr. Kay sagt plötzlich, dass sie lieber in Najera übernachten möchte, mir ist das egal – aber eigentlich würde ich lieber bleiben, die Herberge sieht gut aus. Naja – ich weiß nicht warum Kay unbedingt weg möchte, wir haben die Rucksäcke in diese Herberge schicken lassen, sie sind auch schon angekommen sehe ich, als geöffnet wird.

Als die Hospitaliera bemerkt, dass wir wieder weg wollen wird sie böse, sie meint, wir hätten ihre Gutmütigkeit ausgenutzt, weil wir die Rucksäcke dorthin haben liefern lassen und jetzt würden wir nicht mal übernachten. Sie ist aus Österreich – ich schaue sie verständnislos an – ich weiß nicht ob ich richtig höre?

Ich bin geknickt, man will ja als Pilger immer alles richtig machen, mit jedem gut auskommen aber hier bin ich ratlos. Sie ist richtig sauer, erzählt mir, wie voll es normalerweise dort ist, die Leute würden sich um die Betten fast schlagen und wir wollen wieder weg. Ich bleibe ganz ruhig, erkläre dass es halt so ist… da wird sie langsam auch ruhiger, letztendlich entschuldigt sie sich bei uns und ruft uns sogar ein Taxi, damit fahren wir nach Najera bis vor die Haustüre der nächsten Herberge.

In der Albergue de Peregrinos stehen wir erstaunt vor einem großen Raum, wir erfahren, dass hier 92 Pilger Platz finden. Nachdem unser Pilgerausweis abgestempelt wurde und wir eine Spende in die Box geworfen haben (es bleibt uns überlassen, was uns unser Bett wert ist), beziehen wir unsere Betten. Die Leute sind sehr freundlich, es handelt sich um einen Verein, die Vereinsmitglieder nehmen die Pilger hier sehr nett auf. Dann das übliche Ritual, Wäsche waschen, Internet, Kay hat eine Gluten-Allergie und kocht sich Reis mit Linsen, naja – es sieht nicht so appetitlich aus.

Ich höre Kanonendonner und Blasmusik, was ist denn hier los? Ich mache mich auf die Suche nach der Ursache und finde eine echte Stierkampfarena.

Neugierig gehe ich zum Eingang der Toreros und frage, ob hier wirklich ein Stier getötet wird, man dreht sich um und tut so, als ob man mich nicht verstanden hätte… die spanischen Familien kommen mit Kind und Kegel und mit Kühltaschen und Getränkekisten. Ich laufe zurück, an der Herberge vorbei in eine kleine moderne Ecke mit Restaurants, dort setze ich mich zu Remko aus Holland, wir trinken Bier. Später kommt Kay und bestellt sich Scotch. Dann gehen wir in eine Apotheke und kaufen uns Ibuprofen 600 für 2 Euro die Packung – für Knie und Hüften.

Zurück in der Herberge gab es Gitarre und Gesang, ich schlafe dabei ein und fühle mich sehr priviligiert. Die vielen Betten dämpfen wohl die Geräusche, ich höre in dieser Nacht kein Geschnarche.

Am nächsten Morgen geht es wieder um 6 Uhr weiter, ein ganzer Pulk von Pilgern läuft jetzt los, gedämpfte Stimmen, Geklapper der Stöcke und hüpfende Lichter von den Stirnlampen, wenn wir weg sind wird es wieder ruhig hier bis morgen früh.

Auf nach Santo Domingo de la Calzada – zum Hühnerwunder – 21 km.

 

Nájera > Santo Domingo de la Calzada

Kay und ich laufen und erzählen, ich spreche englisch, so gut es geht und wenn es nicht mehr geht sagen wir „ach egal!“ und lachen und es ist in Ordnung.

Wir frühstücken in einer netten Bar, es gibt wieder mal meine geliebte Tortilla, dazu Café americano, herrlich!

Santo Domingo de la Calzada – das hat sich ganz schön gezogen und die Hüfte tut mir weh, wir sind endlich in der Herberge Casa del Santo angekommen. Es gab einen sehr netten Empfang, kleine Häppchen mit scharfer Wurst und Rotwein aus der typischen Flasche, die man beherrschen muss sonst schüttet man sich den guten Rijocha über’s Hemd. Ich habe mal wieder ein Bett oben, hilfe! Diese dünnen Verstrebungen an der Leiter tun meinen geplagten Füßen weh… und runter zu kommen ist sowieso immer ein Abenteuer.

Erst mal abdampfen, schlafen, duschen, Wäsche waschen… und Neville begrüßen, der wieder in der gleichen Herberge ist. Es ist immer eine Freude ihn zu treffen, dieser Mann hat eine unglaubliche Ausstrahlung. Kay schrieb mir vor kurzem, er wäre ein „church of england priest“ – ja klar!

Also, Neville und ich wollten Wäsche waschen, Kay hatte sich ausgeklinkt weil sie befürchtete dass mein rotes Handtuch abfärbt. Aber wir hatten kein Waschpulver, also machten Neville und ich uns auf den Weg und suchten ein Geschäft. Dort gab es aber nur diese großen Packungen – das ging ja überhaupt nicht. Ein Block Kernseife war da doch besser, wir schnitten ihn in 3 Teile, ich spendierte meine Aldi-Frühstücksbeutel und 3 Leute hatten die nächste Zeit kein Problem mehr mit Waschpulver. Mit Kernseife kann man gut waschen, sie lässt sich ganz leicht auswaschen… Ich weiß, dass schon unsere Großmütter mit Kernseife gewaschen haben. Neville nannte mich seinen „deutschen Engel“ und ich habe jede Menge gutes Karma gesammelt. Aber ich hätte es nicht gemacht, wenn ich ihn nicht so gern gemocht hätte.

Wir nehmen unsere nasse Wäsche und gehen gegenüber der Herberge in einen kleinen Raum, in dem zwei Trockner stehen. Ein Trockner steht aber die Wäsche ist noch drin, ich hole sie raus und gebe Nevilles und meine rein. Neville bittet mich, sie in einer halben Stunde wieder rauszuholen, er geht jetzt erst mal mit seinem Enkel Chris essen. Schau an – plötzlich bin ich die Wäschebeauftragte in unserer Runde.

Na gut, nach einer halben Stunde gehe ich rüber und was sehe ich? Unsere nasse Wäsche liegt obendrauf und andere Wäsche dreht sich im Trockner… soooo geht das… also ich muss jetzt bei der Wäsche bleiben sonst wird die heute nicht mehr trocken. Ich könnte sie ja an der frischen Luft trocknen aber sämtliche Leinen sind belegt. Ich sitze also vor den Trocknern und warte darauf, dass die Wäsche fertig ist, dann hole ich die trockene Wäsche raus und lege unsere nasse Wäsche wieder rein. Ich habe meinen E-Book-Reader dabei und lese. Während ich dort sitze gebe ich allen möglichen Leuten Auskunft (in Englisch!), die auch trocknen wollen und nicht wissen wie das geht. Als meine Geldstücke alle sind und die Trockner still stehen nehme ich die Wäsche raus, die Socken von Neville sind noch feucht aber das ist jetzt nicht mein Problem!

Ich gucke mir jetzt das Hühnerwunder an. In der Kathedrale von Santo Domingo de la Calzada leben Hühner in der Kirche, es gibt eine Sage, die kann man hier nachlesen.

Danach möchte ich etwas essen gehen und lande in einem kleinen Lokal, in dem es ein Pilgermenü gibt. Ich setze mich an den ersten Tisch direkt an der Tür, sofort kommt die Chefin und sagt mir, dass ich dort nicht sitzen kann weil – es ist ein Tisch für vier Personen und ich bin alleine. Sie nimmt mich mit und setzt mich auf ihren Platz, das bemerke ich daran, dass ein Stapel Zeitungen mit Kreuzworträtsel dort liegt, außerdem steht ein Aschenbecher auf dem Tisch, uiiii ist die mürrisch zu mir. Aber ich beobachte, dass andere Leute auch nicht dort sitzen dürfen, wo sie gerne sitzen möchten. Keiner setzt sich richtig… lieber deckt sie einen kahlen Tisch für 3 Personen neu als 3 Personen an einem 4er-Tisch sitzen zu lassen.  Das Essen ist solala, zuerst gibt es einen Teller trockene Paella (ich denke voller Sehnsucht an Esperanza, die spanische Mutter eines Schwiegersohnes, die eine köstliche Paella macht), dann ein zäher Fleischlappen mit kalten Pommes und einer einsamen Paprikaschote, das Tiramisu aus der Packung schmeckt noch am besten. Ich bin an so viel Essen nicht mehr gewöhnt, das Menü überfordert meinen Magen, von Bogadillos kann man gut leben ohne sich überfressen zu fühlen. Ich sammele gutes Karma und bin extrem freundlich zur Kellnerin aber es hilft nicht, sie bleibt mürrisch. Dann ist das halt so!

Ich gehe zur Herberge zurück, auf dem Platz vor der Herberge ist Halligalli. Es ist der 17. September und es wird in der Stadt ein Fest gefeiert. Die Pilger müssen bis 22 Uhr in der Herberge sein, um 22.30 Uhr wird auch das Licht gelöscht aber auf dem Platz unten wird es immer lauter. Wir hängen am Fenster und können es nicht fassen, dass wir nicht mitfeiern können. Ich habe ein kleines Filmchen aus dem Fenster der Herberge heraus gedreht.

Mensch, um 22,30 Uhr gehts Licht aus und draußen steppt der Bär… das ist bitter 🙂 aber es ist interessant zu erfahren, dass man sogar bei solchem Lärm schlafen kann. Kay hat Probleme mit dem Einschlafen und wickelt sich in ihre Decken ein. Ich soll sie am nächsten Morgen wecken, stehe dann vor ihrem Bett und frage mich, wo ist der Kopf??? Ohrstöpsel, Handtuch um den Kopf, Kopfkissen drüber und das alles festgebunden damit nichts verrutscht, es ist so witzig! Es ist nicht nur die Blaskapelle, es sind auch die Schnarcher, die ihr und mir zu schaffen machen.

Es geht wieder früh weiter, Katzenwäsche und weg sind wir. Wir laufen nach Belorado, 23 km, zuerst im Dunkeln und dann mit der aufgehenden Sonne. Wenig Steigung, endlose Schotterwege, die Hüfte freut sich drüber. Dann ist man für jede Steigung mal wieder froh.

In Villamajor del Rio brauchen wir etwas zu trinken und suchen Wasser, letztendlich landen wir in einem besseren Restaurant und werden aufgefordert, Rucksack und Stöcke draußen zu lassen, können die Schuhe aber anbehalten, der Kellner ist etwas hochnäsig. Ich bestelle mir ein Bier, Kay füllt ihre Wasserflasche in der Toilette auf – das bringt uns keine Sympathiepunkte! Für 4 Euro gibts aber ein sehr leckeres Bogadillo mit dick geschnittenem Seranoschinken. Da geht die Tür auf und Neville stolpert herein, der ist ziemlich fertig und wir drei sind wieder mal zusammen. Er lässt sich auf den Stuhl gegenüber von mir fallen und stöhnt nach Wasser. Ich bringe ihm die Speisekarte und gehe dann für ihn bestellen, der hochnäsige Kellner lässt sich nicht mehr blicken, er nimmt aber bereitwillig meine Bestellung an.

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Camino2014(221)

Neville will noch etwas dort bleiben, Kay und ich laufen weiter. Ich stelle fest, dass ich – egal wie weit weg von daheim – immer die Person bleibe, die ich bin. Der Gedanke kommt mir mit der Feststellung, dass ich wieder für die Beiden sorge. Man kann auch auf dem Camino nicht aus seiner Haupt schlüpfen, man ist wer man ist. Für mich bedeutet dies, dass ich mich gerne um Menschen kümmere aber – ich muss sie auch mögen! Ich muss immer aufpassen, dass ich nicht ausgenutzt werde aber auch nicht immer in die dienenden Position komme, es ist ein schwacher Grad, auf dem ich mich oft bewege.

Wir kommen in Belorado an und direkt am Weg liegt unsere Herberge, in die wir die Rucksäcke geschickt haben, super Timing! Die Herberge hat sogar einen Pool, ich fass es nicht, Albergue A Santiago. Wir checken ein und zahlen für unser Bett im 16-Betten-Zimmer 5 Euro. ein 8er Zimmer würde 8 Euro kosten aber Kay will Geld sparen und eigentlich hat sie ja recht, egal ob 8 oder 16, wenn du einen Schnarcher hast (und wir haben ihn immer) ist die Anzahl der Betten egal.

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Belorado

Es ist Donnerstag, 18. September, am Samstag, 20. September muss ich in Santander sein, ich rechne die Kilometer nach Burgos nach und stelle fest, das ich noch 50 km zu laufen habe, für mich nicht zu schaffen. Deshalb beschließe ich, ab hier mit dem Bus nach Burgos zu fahren.

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Es wird also mein letzter Abend mit Kay werden, ich schlage ihr vor, sie zum Essen einzuladen, was schwierig ist mit ihrer Gluten-Allgergie. Sie trinkt Weißwein, isst Gazpacho und einen Salat. An der Wand werden über eine Beamer Impressionen des Jakobsweges gezeigt, dazu gibt es sentimentale Musik von Enya. Mir kommen die Tränen bei dem Gedanken, dass jetzt alles vorbei ist.

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Ich räume meinen Rucksack um und finde ein paar Dinge, die ich gerne Kay überlasse. Ein Funktionsshirt, meine Ohrenstöpsel (die noch neu waren), ein paar Sicherheitsnadeln. Kay ist nicht gut ausgestattet, fällt mir auf, ich mache mir Gedanken wie sie nach Santiago kommt. Kay weint ein bisschen beim Abendessen und ich weine mit, was ist nur los mit uns? Mein Weg hat bei der Abreise in Frankfurt mit Tränen begonnen und endet mit Tränen jetzt in Belorado.

Ich sage zu Kay in meinem schlechten Englisch, dass der Weg auch eine Zeit voller Abschiede ist. Klingt irgendwie pathetisch, ist aber wahr. Wir treffen so viele Menschen und müssen immer wieder Abschied von ihnen nehmen. Reinhard aus Bayern, der mich zu Beginn ein wenig an die Hand nahm und sich dann zum Gockel aufspielte, Thomas aus Kiel, der seit Genf läuft und irgendwann mal an Weihnachten daheim sein will, Neville (Opa 76) und Chris aus Neuseeland (Enkel 26), die beiden älteren Franzosen, deren Name ich nicht kenne und die uns immer wieder überholten und so freundlich lachten, Kay aus Wisconsin, die mein schlechtes Englisch tolerierte und mit der ich mich trotzdem so gut verstand. Wir haben „Strangers in the night“ zusammen gesungen und „das Wandern ist des Müllers Lust“, sie hat sich auf mich verlassen und es hat immer alles geklappt. Bärbel und Werner, die über den Weg hetzten ohne Rücksicht auf seine Fersen, die total wund waren, ein brasilianisches Pärchen mit Vater, die junge Frau war so erschöpft dass sie ein Taxi gerufen haben. Sie alle und noch viel mehr Menschen laufen sich immer wieder über den Weg, gehen stückweise gemeinsam und dann auch wieder alleine.

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Burgos und Camino-Ende 2014

Ich bin am Ende meines Jakobsweges gelandet und bin stolz darauf, dass ich etwas geschafft habe. Oft hatte ich das Gefühl etwas anzufangen und dann doch nicht fertig zu machen, jetzt habe ich mir selbst bewiesen, dass ich Dinge auch zu Ende bringen kann, auch schwierige Herausforderungen annehmen und durchstehen kann.

Die Organisation vor dem Weg, die Fahrt, der Weg selbst, auf Menschen zuzugehen, mit Buen Camino grüßen, zu lächeln,  ein paar Worte zu sagen, wo kommst du her – wo gehst du hin? Es ist nicht schwer, dies alles zu machen wenn man will. Ich wollte es und es ging. Alles musste ich selbst lösen, Hüfte, Füße, vor allem mein linker Fuß tat mir an jedem Morgen sehr weh. Es ging ein paar Kilometer gut, dann sind mir die mittleren Zehen eingeschlafen und das tat höllisch weh. Ich habe immer die Zähne zusammengebissen und nach einiger Zeit war es tatsächlich auch wieder besser. Reinhard sagte, ich soll nach „oben denken wenn es unten weh tut“ nach der Alexander-Technik. Naja – was immer das auch ist.

Ich wache am Morgen, 19. September auf und stelle fest, dass alle weg sind, ich habe zum ersten Mal weitergeschlafen während alle aufgebrochen sind. Auch Kay ist weg und ich fühle mich alleine, ich packe meinen Rucksack und gehe im Restaurant frühstücken, frage nach dem Busbahnhof und laufe los. Ich sitze im Bus und fahre an den Pilgern vorbei – blödes Gefühl – ich glaube ich habe einen Fehler gemacht, denn eigentlich will ich weiterlaufen. Ich habe meine Tour wohl doch nicht so gut organisiert, irgendwie fehlen mir 2 Tage, ich hätte längere Touren machen müssen, nächstes Mal wird das anders.

In Burgos angekommen laufe ich in Richtung Innenstadt und komme an einer Markthalle vorbei.

Ich schlendere in die Stadt über den Rio Arlazon, die Türme der Kathedrale zeigen mir den Weg. Ich sehe plötzlich mehrere Pilger mit Rucksäcken vor einem Haus stehen und denke mir, dass dort eine Herberge ist, dann könnte ich ja dort übernachten.

Tatsächlich bekomme ich dort ein Bett aber später bemerke ich, dass die Betten nicht so sauber sind und die Hospitaliera auch nicht so freundlich. Außerdem liegt eine Frau im Bett und hustet fürchterlich, ohweh denke ich, das kann eine Nacht werden. Schon wieder bekomme ich ein oberes Bett zugewiesen, SackZement, sehe ich so aus als ob ich nur oben schlafen möchte? Die Herberge war früher mal ein mittelalterliches Pilgerhospital, unten gibt es eine Kapelle – oben schlafen die Menschen. Ich stelle meinen Rucksack ab, lege meinen Schlafsack aufs Bett und laufe in die Stadt, ich möchte mir die Kathedrale anschauen.

Für die Kirche (seit 1984 Weltkulturerbe) braucht man mindestens 2 Stunden mit Audiobegleitung, wobei man eher durch ein großes gotisches Museum geht, der Teil, in dem Gottesdienste stattfinden, ist abgeteilt und sollte nicht besichtigt werden um die betenden Menschen nicht zu stören. Es ist ein wunderschönes Museum und ich genieße meinen Rundgang.

Na jedenfalls bin ich in Burgos und alle anderen sind weitergelaufen… mein Camino ist zu Ende. Es fängt an zu regnen als ob der Himmel mit mir traurig wäre. Ich gehe in meine Herberge zurück und klettere auf mein Bett um etwas auszuruhen. Irgendwie ist schlechte Stimmung in diesem Raum, die Hospitaliera kommt und schimpft weil wir festgestellt haben, dass das Toilettenpapier alle ist. Wir haben sie nur drauf aufmerksam gemacht, ganz freundlich aber sie hat wohl schlechte Laune. Unter mit liegt eine Japanerin oder Chinesin, der Mann von ihr liegt im Bett gegenüber, die haben Krach, irgendwas stimmt da nicht, Göttin, ich muss da raus, flüchte förmlich und laufe ziellos durch die Gassen.

Da hilft nur Essen…

Später habe ich noch ein schönes Erlebnis mitten in Burgos, eine Theatergruppe gibt eine Vorstellung für Kinder und ich entdecke wieder mal meine kindliche Seele und habe viel Spass an der Aufführung, für die man keine Kentnisse der spanischen Sprache braucht.

Später gehe ich zurück in die Herberge, Zähneputzen, umziehen und ab ins Bett, ich kann tatsächlich gut schlafen.

Am nächsten Morgen geht mein Bus von Burgos – Busbahnhof nach Santander, wo ich von Bettina und Markus erwartet werde. Diese haben mir zwischenzeitlich in Santander ein schönes kleines Hotelzimmer gebucht. Die Fahrt dauert ca. 2 1/2 Stunden und geht über die Berge nach unten ans Meer.

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Santander

In Santander angekommen führen mich Bettina und Markus in eine Markthalle und dort treten wir ein in’s Tapas-Paradies.

Santander ist ein schönes Städtchen am Atlantik aber es wäre besser gewesen, ich wäre weitergelaufen, evtl. bis Leon… ich dachte 3 Wochen laufen und dann 1 Woche ausruhen wären gut für mich aber ich muss im Nachhinein feststellen, dass ich besser 4 Wochen gelaufen wäre. Ich komme mir so einsam vor in Santander, bin daran gewöhnt, immer nette, freundliche Menschen um mich zu haben und plötzlich bin ich isoliert in einer Stadt.

Aber mein Weg ist ja nicht zu Ende – am 9. Juni 2015 geht es weiter bis zum Ende der Welt!

Mein Camino 2015