Saint-Jean-Pied-de-Port > Valcarlos > Roncesvalles

St.Jean Pied de Port

Ich weiß nicht wo es lang geht und gehe erstmal einer Gruppe von Menschen mit Rucksäcken nach, das erweist sich als Fehler, denn die wissen auch nicht wo es lang geht. Ich gehe zurück, als wir fast schon aus dem Ort draußen sind. Mist, ich weiß doch, dass ich über eine Brücke gehen muss, ich muss in die Altstadt. Ich finde die Brücke (war wirklich nicht schwer) und dann geht es links den Berg hoch zum Pilgerbüro.

Dort sitzen schon ein paar Leute hinter den Tischen und erwarten uns. Der junge Spanier, der mir meinen 1. Stempel verpasst, rät mir, über Valcarlos zu gehen, das wäre einfacher als die Route Napoleon, dort könne ich auch übernachten.

Ich hatte während der Planung versäumt, auf der Route Napoleon in der Herberge Orisson ein Bett zu reservieren. Als ich dann endlich daran dachte und per Mail ein Bett reservieren wollte, war keines mehr frei. Insofern hätte ich sowieso über Valcarlos gehen müssen, denn die 27 km über die Route Napoleon ohne Übernachtung zu gehen wäre für mich  nicht möglich gewesen.

Da Valcarlos ziemlich in der Mitte zwischen SJPdP und Roncesvalles liegt (ca. 13 km) entschließe ich mich, dem Rat des Spaniers zu folgen und diesen Weg auch zu nehmen. Es ist sowieso ungewohnt für mich mit dem Rucksack zu laufen, dazu kommt die Steigung und die Hitze. Ich kaufe mir in einem kleinen Laden mein erstes „Bogadillo“ (Sandwich) und Wasser und mache mich auf den Weg, die Straße runter, dann gehts links zur Route Napoleon und rechts nach Valcarlos.

Es ist anstrengend aber wer sagt, dass uns der Camino irgendwas schenkt? Ich schwitze, alles ist nass, ich muss mich eincremen, es ist wirklich saumäßig heiß. Ich mache Pausen, trinke, esse die Hälfte meines Sandwiches, gehe weiter. Ich fühle mich alleine, irgendwie verlassen. Es gibt starke Steigungen, dann gehts wieder abwärts, der Rucksack ist gar nicht so schwer aber er zieht mich schon etwas nach hinten.

Plötzlich stehe ich inmitten eines großen Outlett-Centers, ich suche ein Geschäft, in dem ich mir einen Hut kaufen kann. Mir läuft der Schweiß blöderweise in die Augen und das muss gestoppt werden. An einer Wand in einem Geschäft sehe ich kleine Flamenco-Kleidchen – sollte ich evtl. schon in Spanien sein? Die Verkäuferin an der Kasse, an der ich meinen Hut zahle, bestätigt mir die Vermutung, ich bin in Spanien – halleluja!

Nix wie weg hier!

Ich finde die schmale Straße, die mich weiter nach Valcarlos führt, zeitweise ist sie sogar schattig, es ist schon sehr anstrengend, geht abartig steil nach oben. Ich zähle Schritte und immer nach 20 Schritten verschnaufe ich kurz, jammern nutzt nichts, ich muss ja irgendwann mal ankommen, kämpfen ist angesagt! Ich werde überholt von 2 Paaren, die mind. 10 Jahre älter sind als ich, später stellt sich heraus, dass sie aus Michigan kommen.

Valcarlos

Ich schleppe mich den letzten Berg hoch, falle in einer Bar auf einen Stuhl und bestelle mir eine große Cola, stürze sie hinunter und bestelle mir gleich noch eine. Meine Güte, knallrot im Gesicht und schweißtriefend sitze ich hier und fasse es nicht, ich bin angekommen… wenigstens in der Hälfte der 1. Etappe. Im Touristenbüro sitzen schon die Amis, ich hoffe, dass ich ein Bett bekomme und warte mit ihnen. Dort sitzt auch Thomas den ich später näher kennen lerne, leider sitzen wir jetzt noch fremd nebeneinander, ich dachte sogar, er wäre Engländer.

Die Hospitallero kommt und nimmt uns mit in die Herberge, super, alles modern, neu und sauber. 10 Euro kostet die Übernachtung, es gibt einen Stempel, Schuhe müssen ausgezogen werden, man läuft auf Strümpfen oder Schlappen. Ich suche mir ein Bett (unten) und werfe mich erst mal drauf zum „abdampfen“, dann gehe ich duschen und wasche meine Unterhose. Anschließend gehe ich in die Bar zurück und bestelle Tapas. Es kommt ein großer Teller mit verschiedenen Schinkensorten, dazu Brot und Butter, so reichlich, dass ich mir den Rest einpacken lasse.

Gegenüber von mir sitzen die beiden Frauen aus Michigan, die sich auch etwas zum Essen bestellt haben. Als deren Essen auf dem Tisch steht greifen sie sich über dem Tisch an den Händen und beten, anschließend Kreuzzeichen und dann darf gegessen werden. Es ist schon interessant, was man so alles sieht auf dem Camino.

Im Alimentari kaufe ich mir ein kleines Brot und eine kleine Dosen Oliven, meinen Pausensnack für den nächsten Tag habe ich zusammen.

In der Herberge stehen bei meiner Rückkehr in einer Ecke verschiedene Rucksäcke. Auf meine Frage hin bekomme ich erklärt, dass es möglich ist, den Rucksack von Herberge zu Herberge transportieren zu lassen. Das ist natürlich eine super Möglichkeit, die ich auch gerne nutze. Man nimmt ein Kuvert, legt 7 Euro hinein und schreibt die Herberge drauf, zu der der Rucksack gefahren werden soll. Mal sehen, ob das klappt.

Ich höre dass wir am nächsten Morgen bereits um 6 Uhr aufstehen und denke zuerst mal, ich hätte mich verhört. Aber ich stelle am nächsten Morgen fest, dass es so gut wie unmöglich ist ab 5 Uhr weiter zu schlafen, dann fängt nämlich das große „Geraschel“ an. Im anderen Zimmer ist längst das Licht an aber in unserem Zimmer schläft beharrlich einer weiter und keiner getraut sich, das Licht anzumachen. Jeder läuft mit seiner Stirnlampe herum. Ich mache mir einen Tee und auf dem Tisch liegen kleine Muffins, das ist auf meinem Weg die einzige Herberge, in der es etwas zum Frühstücken gibt.

Es geht dann doch etwas später los weil Karine aus Belgien nicht in die Puschen kommt, es dauert. Sie hat einen Rucksack, der mir viel zu schwer erscheint und braucht unterwegs auch ziemlich lange, wir haben unterschiedliche Schrittlängen und werden wohl nicht lange gemeinsam gehen. Der Weg von Valcarlos nach Roncesvalles ist zuerst gemächlich, wird dann aber schnell sehr steil. Ein Trost sind leckere klitzekleine Brombeeren, die wir unterwegs finden. Schnaufend kommen wir aber tatsächlich oben an, machen Bilder, treffen nette Herren, die mit dem Wohnmobil aus Frankreich kommen und für die wir Pilger eine gewisse Exotik ausstrahlen.

Roncesvalles

Jetzt gehts bergab und irgendwann tauchen die Dächer von Roncesvalles vor uns auf – ist das schön! So eine schöne Klosteranlage, riesig. Beim Einchecken stellen wir fest, dass es viel Personal gibt, es gibt aber auch viele Pilger. Schuhe müssen in einer speziellen Schuhkammer bleiben (es riecht nicht schlimm, nur etwas muffig), es gibt im Keller die Möglichkeit Wäsche zu waschen und zu mangeln und sogar zu trocknen. Wir suchen unsere zugewiesenen Betten, ich liege mal wieder oben aber die Stufen sind glücklicherweise nicht so schmal, trotzdem fliege ich runter und werde von Reinhard gerade noch rechtzeitig gestützt.

Am Abend nehmen wir ein Pilgermenü für 9 Euro inkl. Rotwein, es gibt zuerst eine leckere Kartoffelsuppe und dann entweder eine Forelle mit Pommes oder gebackene Ententeile, zum Dessert gibts einen Flan, für den Preis alles zusammen nicht schlecht, die Flasche Rotwein ist auch schnell vernichtet… Um 20 Uhr gibt es eine Pilgermesse und zur Einstimmung wird das Pilgerlied gesungen, das ich bei der Pilgermesse in Koblenz gelernt habe, mir kommen die Tränen. Damals war die Reise noch so weit entfernt und jetzt sitze ich hier – die Rührung überfällt mich schlagartig.

An diesem Abend noch operiert mir Reinhard eine Zecke raus, die sich über meinem Bauch eingenistet hat, Drecksviecher. Mit Desinfektionsmittel und einem Taschenmesser holt er alle schwarzen Überreste der Zecke raus. Die Umgebung war schon rot entzündet, hoffentlich bekomme ich keine Probleme dadurch.

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