Nájera > Santo Domingo de la Calzada

Kay und ich laufen und erzählen, ich spreche englisch, so gut es geht und wenn es nicht mehr geht sagen wir „ach egal!“ und lachen und es ist in Ordnung.

Wir frühstücken in einer netten Bar, es gibt wieder mal meine geliebte Tortilla, dazu Café americano, herrlich!

Santo Domingo de la Calzada – das hat sich ganz schön gezogen und die Hüfte tut mir weh, wir sind endlich in der Herberge Casa del Santo angekommen. Es gab einen sehr netten Empfang, kleine Häppchen mit scharfer Wurst und Rotwein aus der typischen Flasche, die man beherrschen muss sonst schüttet man sich den guten Rijocha über’s Hemd. Ich habe mal wieder ein Bett oben, hilfe! Diese dünnen Verstrebungen an der Leiter tun meinen geplagten Füßen weh… und runter zu kommen ist sowieso immer ein Abenteuer.

Erst mal abdampfen, schlafen, duschen, Wäsche waschen… und Neville begrüßen, der wieder in der gleichen Herberge ist. Es ist immer eine Freude ihn zu treffen, dieser Mann hat eine unglaubliche Ausstrahlung. Kay schrieb mir vor kurzem, er wäre ein „church of england priest“ – ja klar!

Also, Neville und ich wollten Wäsche waschen, Kay hatte sich ausgeklinkt weil sie befürchtete dass mein rotes Handtuch abfärbt. Aber wir hatten kein Waschpulver, also machten Neville und ich uns auf den Weg und suchten ein Geschäft. Dort gab es aber nur diese großen Packungen – das ging ja überhaupt nicht. Ein Block Kernseife war da doch besser, wir schnitten ihn in 3 Teile, ich spendierte meine Aldi-Frühstücksbeutel und 3 Leute hatten die nächste Zeit kein Problem mehr mit Waschpulver. Mit Kernseife kann man gut waschen, sie lässt sich ganz leicht auswaschen… Ich weiß, dass schon unsere Großmütter mit Kernseife gewaschen haben. Neville nannte mich seinen „deutschen Engel“ und ich habe jede Menge gutes Karma gesammelt. Aber ich hätte es nicht gemacht, wenn ich ihn nicht so gern gemocht hätte.

Wir nehmen unsere nasse Wäsche und gehen gegenüber der Herberge in einen kleinen Raum, in dem zwei Trockner stehen. Ein Trockner steht aber die Wäsche ist noch drin, ich hole sie raus und gebe Nevilles und meine rein. Neville bittet mich, sie in einer halben Stunde wieder rauszuholen, er geht jetzt erst mal mit seinem Enkel Chris essen. Schau an – plötzlich bin ich die Wäschebeauftragte in unserer Runde.

Na gut, nach einer halben Stunde gehe ich rüber und was sehe ich? Unsere nasse Wäsche liegt obendrauf und andere Wäsche dreht sich im Trockner… soooo geht das… also ich muss jetzt bei der Wäsche bleiben sonst wird die heute nicht mehr trocken. Ich könnte sie ja an der frischen Luft trocknen aber sämtliche Leinen sind belegt. Ich sitze also vor den Trocknern und warte darauf, dass die Wäsche fertig ist, dann hole ich die trockene Wäsche raus und lege unsere nasse Wäsche wieder rein. Ich habe meinen E-Book-Reader dabei und lese. Während ich dort sitze gebe ich allen möglichen Leuten Auskunft (in Englisch!), die auch trocknen wollen und nicht wissen wie das geht. Als meine Geldstücke alle sind und die Trockner still stehen nehme ich die Wäsche raus, die Socken von Neville sind noch feucht aber das ist jetzt nicht mein Problem!

Ich gucke mir jetzt das Hühnerwunder an. In der Kathedrale von Santo Domingo de la Calzada leben Hühner in der Kirche, es gibt eine Sage, die kann man hier nachlesen.

Danach möchte ich etwas essen gehen und lande in einem kleinen Lokal, in dem es ein Pilgermenü gibt. Ich setze mich an den ersten Tisch direkt an der Tür, sofort kommt die Chefin und sagt mir, dass ich dort nicht sitzen kann weil – es ist ein Tisch für vier Personen und ich bin alleine. Sie nimmt mich mit und setzt mich auf ihren Platz, das bemerke ich daran, dass ein Stapel Zeitungen mit Kreuzworträtsel dort liegt, außerdem steht ein Aschenbecher auf dem Tisch, uiiii ist die mürrisch zu mir. Aber ich beobachte, dass andere Leute auch nicht dort sitzen dürfen, wo sie gerne sitzen möchten. Keiner setzt sich richtig… lieber deckt sie einen kahlen Tisch für 3 Personen neu als 3 Personen an einem 4er-Tisch sitzen zu lassen.  Das Essen ist solala, zuerst gibt es einen Teller trockene Paella (ich denke voller Sehnsucht an Esperanza, die spanische Mutter eines Schwiegersohnes, die eine köstliche Paella macht), dann ein zäher Fleischlappen mit kalten Pommes und einer einsamen Paprikaschote, das Tiramisu aus der Packung schmeckt noch am besten. Ich bin an so viel Essen nicht mehr gewöhnt, das Menü überfordert meinen Magen, von Bogadillos kann man gut leben ohne sich überfressen zu fühlen. Ich sammele gutes Karma und bin extrem freundlich zur Kellnerin aber es hilft nicht, sie bleibt mürrisch. Dann ist das halt so!

Ich gehe zur Herberge zurück, auf dem Platz vor der Herberge ist Halligalli. Es ist der 17. September und es wird in der Stadt ein Fest gefeiert. Die Pilger müssen bis 22 Uhr in der Herberge sein, um 22.30 Uhr wird auch das Licht gelöscht aber auf dem Platz unten wird es immer lauter. Wir hängen am Fenster und können es nicht fassen, dass wir nicht mitfeiern können. Ich habe ein kleines Filmchen aus dem Fenster der Herberge heraus gedreht.

Mensch, um 22,30 Uhr gehts Licht aus und draußen steppt der Bär… das ist bitter 🙂 aber es ist interessant zu erfahren, dass man sogar bei solchem Lärm schlafen kann. Kay hat Probleme mit dem Einschlafen und wickelt sich in ihre Decken ein. Ich soll sie am nächsten Morgen wecken, stehe dann vor ihrem Bett und frage mich, wo ist der Kopf??? Ohrstöpsel, Handtuch um den Kopf, Kopfkissen drüber und das alles festgebunden damit nichts verrutscht, es ist so witzig! Es ist nicht nur die Blaskapelle, es sind auch die Schnarcher, die ihr und mir zu schaffen machen.

Es geht wieder früh weiter, Katzenwäsche und weg sind wir. Wir laufen nach Belorado, 23 km, zuerst im Dunkeln und dann mit der aufgehenden Sonne. Wenig Steigung, endlose Schotterwege, die Hüfte freut sich drüber. Dann ist man für jede Steigung mal wieder froh.

In Villamajor del Rio brauchen wir etwas zu trinken und suchen Wasser, letztendlich landen wir in einem besseren Restaurant und werden aufgefordert, Rucksack und Stöcke draußen zu lassen, können die Schuhe aber anbehalten, der Kellner ist etwas hochnäsig. Ich bestelle mir ein Bier, Kay füllt ihre Wasserflasche in der Toilette auf – das bringt uns keine Sympathiepunkte! Für 4 Euro gibts aber ein sehr leckeres Bogadillo mit dick geschnittenem Seranoschinken. Da geht die Tür auf und Neville stolpert herein, der ist ziemlich fertig und wir drei sind wieder mal zusammen. Er lässt sich auf den Stuhl gegenüber von mir fallen und stöhnt nach Wasser. Ich bringe ihm die Speisekarte und gehe dann für ihn bestellen, der hochnäsige Kellner lässt sich nicht mehr blicken, er nimmt aber bereitwillig meine Bestellung an.

Camino2014(218)

Camino2014(221)

Neville will noch etwas dort bleiben, Kay und ich laufen weiter. Ich stelle fest, dass ich – egal wie weit weg von daheim – immer die Person bleibe, die ich bin. Der Gedanke kommt mir mit der Feststellung, dass ich wieder für die Beiden sorge. Man kann auch auf dem Camino nicht aus seiner Haupt schlüpfen, man ist wer man ist. Für mich bedeutet dies, dass ich mich gerne um Menschen kümmere aber – ich muss sie auch mögen! Ich muss immer aufpassen, dass ich nicht ausgenutzt werde aber auch nicht immer in die dienenden Position komme, es ist ein schwacher Grad, auf dem ich mich oft bewege.

Wir kommen in Belorado an und direkt am Weg liegt unsere Herberge, in die wir die Rucksäcke geschickt haben, super Timing! Die Herberge hat sogar einen Pool, ich fass es nicht, Albergue A Santiago. Wir checken ein und zahlen für unser Bett im 16-Betten-Zimmer 5 Euro. ein 8er Zimmer würde 8 Euro kosten aber Kay will Geld sparen und eigentlich hat sie ja recht, egal ob 8 oder 16, wenn du einen Schnarcher hast (und wir haben ihn immer) ist die Anzahl der Betten egal.

Hier gehts weiter nach Belorado